D 2011 | 90 Min. | R: Britta Wauer | FSK 6

Im Himmel, unter der Erde

Der jüdische Friedhof Weißensee
  • So., 12. Juni 2011, 19:00 Uhr,
  • Sa., 18. Juni 2011, 15:00 Uhr,
  • So., 19. Juni 2011, 15:00 Uhr,

Synopsis

Auf dem Plan sieht er aus wie ein Garten der Renaissance: Eine Geometrie von Rechteck, Trapez und Dreieck. Die Alleen kreuzen sich in Kreisen und Quadraten. Aber wer die Anlage betritt, fühlt sich wie an einem verwunschenen Ort. Morgentau und Nebel, hohe Bäume, Dickicht. Dazwischen Säulen, Steine, Mausoleen, Efeu, Flieder und von rechts ein kleiner Fuchs – der Jüdische Friedhof in Weißensee.

Es ist der dritte, der von der Jüdischen Gemeinde Berlins angelegt wurde. Knapp 130 Jahre ist er alt und der größte jüdische Friedhof in Europa, auf dem noch bestattet wird. Etwa 86 Fußballfelder hätten dort Platz.

Kaum ein Sightseeing-Bus steuert das Gelände abseits der Touristenpfade an. Nur wenige wissen, dass das unter Denkmalschutz stehende Areal in einigen Jahren offiziell zum Weltkulturerbe der UNESCO zählen soll.

Wenn man über den Friedhof geht, spaziert man wie durch ein Geschichtsbuch. Lang ist die Liste berühmter Künstler, Philosophen, Juristen, Architekten, Ärzte, Religionslehrer und Verleger, die dort beerdigt sind. Die Kaufhausgründer Jandorf (KaDeWe) und Hermann Tietz (Hertie) gehören dazu, der Maler Lesser Ury, der Hotelier Kempinski, der Verleger Samuel Fischer (S. Fischer Verlag) und Rudolf Mosse, dem einst das größte Verlagshaus Europas gehörte.

Als erster wurde kein Berühmter begraben, sondern am 22. September 1880 Louis Grünbaum, der Bewohner eines Altersheims. Auf seinem Grabstein steht an der Seite eine große „1“. Dass der Stein noch steht, liegt daran, dass ein jüdischer Friedhof für die Ewigkeit angelegt wird. Die Gräber werden nicht eingeebnet, Liegefristen gibt es nicht. Auf jedem Grabstein in Weißensee findet sich eine fortlaufende Nummer, die frischen Gräber haben sechsstellige Zahlen.

Über 115.000 Menschen sind auf dem Friedhof in Weißensee bestattet. Einfache Steine stehen neben prächtigen Mausoleen aus der Zeit des Jugendstil oder Art-Deco. Einige Grabmale sind von den Bauhaus-Architekten Mies van der Rohe und Walter Gropius entworfen. Manche wirken verspielt, viele rühren mit ihren Inschriften, andere beeindrucken durch ihre Monumentalität. Doch so unterschiedlich das Budget einst gewesen sein muss, das für die Grabgestaltung zur Verfügung stand, so sehr gleichen sich die Gräber heute: eingestürzt, zugewachsen, vergessen. Kaum ein Lichtstrahl dringt im Sommer durch die riesigen Baumkronen auf die Gräber. Manche Wege sind so verwuchert, als wäre seit Jahren kein Mensch mehr bis zu den Grabstellen vorgedrungen.

Angehörige, die die Gräber pflegen könnten, gibt es kaum. Die Shoa hat nicht nur das Leben von Millionen Menschen vernichtet, sondern auch das Andenken an sie geraubt. In Berlin lebten in den 1930er Jahren rund 170.000 Juden, nach Kriegsende waren es nur noch 1.500.

Das Besondere ist: Weißensee ist nie geschlossen worden. Der Friedhof gehörte zu der Handvoll jüdischer Institutionen in Deutschland, die auch während der Nazizeit in jüdischer Selbstverwaltung blieben. In Weißensee spielten jüdische Kinder, als es auf den deutschen Straßen zu gefährlich für sie wurde. Hier naschten sie Pflaumen und Aprikosen von wilden Obstbäumen. Einzelne Juden versteckten sich für ein paar Nächte in frisch ausgehobenen Grüften oder dem Kapitell eines Grabmals vor ihren Verfolgern. Unter Rabbiner Riesenburger fanden auch in der Zeit zwischen 1933 und 1945 immer Beerdigungen statt – alle nach jüdischem Brauch, bis auf die Tatsache, dass Riesenburger und seine verbliebenen Mitarbeiter die einzigen waren, die den Sarg zur Grabstelle begleiten konnten.

Was aus den Berliner Juden wurde, erzählen manche Gräber: Steine, auf denen Eltern samt ihren Kindern dasselbe Todesdatum haben, deuten auf Freitod hin. Blanke Stellen auf Grabsteinen, die leer geblieben sind, erzählen von Menschen, für die ein Platz vorgesehen war, die dort aber nie beerdigt werden konnten. Manchmal erfahren wir ihre Namen: An Familiengräbern steht hin und wieder der Zusatz: „Im Gedenken an …“

Am Rande der Hauptstadt der DDR gelegen, rückte der Friedhof nach dem Krieg immer mehr in Vergessenheit. Der kleinen Ost-Berliner Gemeinde war es nicht möglich, den sich ausbreitenden Urwald in Weißensee zu beherrschen. In ihrer Hilflosigkeit entschied sich die Verwaltung damals den größten Teil des Friedhofs der Natur zu überlassen, um Kraft und Mittel wenigstens für einige repräsentative Felder im Eingangsbereich zu haben, auf denen noch bestattet wurde. Seit der deutschen Einheit versuchen die Mitarbeiter des Friedhofes Stück für Stück die einzelnen Felder des Friedhofes zurück zu erobern.

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin ist heute mit mehr als 12.000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde in Deutschland. Nach Aussagen des American Jewish Committee ist sie die derzeit am schnellsten wachsende jüdische Gemeinschaft weltweit. Dies liegt an der Zuwanderung von russischen Juden in den letzten Jahren. Mittlerweile sind über 80 Prozent der Gemeindemitglieder eingewanderte Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Die Bräuche und Traditionen der Angehörigen, mitgebracht aus der alten Heimat, sind das jüngste und spannungsreiche Kapitel von Weißensee.

Was wir auf dem Friedhof finden, ist jüdische Geschichte, die zugleich Berliner und deutsche Geschichte ist – abgeschlossen ist sie nicht.

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